Erschienen in Praxis Fremdsprachenunterricht 2/2004 (mit geringfügigen Änderungen)

Dirk Siepmann

Kollokationen und Fremdsprachenlernen: Imitation und Kreation, Figur und Hintergrund

In der PRAXIS hat das Thema Wortschatzlernen seit jeher einen festen Platz. Entscheidende Impulse auf die didaktische wie linguistische Diskussion gingen insbesondere von Franz Josef Hausmanns Beitrag „Wortschatzlernen ist Kollokationslernen“ (PRAXIS 4/1984, S. 395-406) aus. Hausmann stellte damals u.a. eine seitdem vielzitierte Typologie von Wortkombinationen vor; außerdem gab er praktische Beispiele für die Wortschatzarbeit mit Kollokationen. Ein weiterer interessanter Beitrag wurde von Jens Bahns (PRAXIS 1/1993, S. 30-37) geliefert; Bahns plädierte für eine strenge Unterscheidung von Kollokation und Kontext. Im folgenden Beitrag versucht Dirk Siepmann im Lichte korpuslinguistischer Erkenntnisse, die Relevanz eines differenzierten Verständnisses von Kollokativität für den Fremdsprachenunterricht deutlich zu machen. An einem englischen und einem französischen Textbeispiel demonstriert er, dass die Bedeutung des kollokativen Prinzips für den Sprachgebrauch im allgemeinen weit unterschätzt wird; dementsprechend schlägt er eine Typologie von Wortkombinationen vor, die weit über die Hausmannsche hinausgeht und die vermutlich in stärkerem Maße die realen Einheiten des muttersprachlichen und zweitsprachlichen (d.h. außerunterrichtlichen) Spracherwerbs abbildet. Dies führt zu Anregungen für die unterrichtliche Arbeit.

1. Idiomatische und kreative Prägung

Der Mensch ist ein schöpferisches Wesen, das in allen Lebensbereichen die überkommenen Formen stetig abwandelt und erneuert – so auch in der Sprache. Machten wir ausschließlich imitativen Gebrauch von unseren Idiomen, so gäbe es keinen Sprachwandel. Umgekehrt gilt aber auch, dass eine ausufernde Kreativität aller Sprecher zum völligen Zusammenbruch der Kommunikation führen würde, da niemand den Schlüssel zu den kreativen Gebilden des anderen besitzen würde – vielleicht liegt hier der Grund für den geringen Beliebtheitsgrad moderner und postmoderner Kunst bei großen Teilen der Bevölkerung.

Schon diese einleitenden Überlegungen lassen erkennen: um Verständigung zu gewährleisten, müssen sprachliche Imitation und Kreation in einem wohldosierten Verhältnis zueinander stehen, bei dem der Imitation der weitaus größere Stellenwert zukommen muss. Diese

 

Einsicht in einigem Detail zu belegen, und über ihre Bedeutung für den Fremdsprachenunterricht nachzusinnen, ist das Anliegen des vorliegenden Beitrags.

Betrachten wir einmal zwei wahllos ausgesuchte Beispieltexte, wie sie im Englisch- und Französischunterricht der gymnasialen Oberstufe beinahe alltäglich verwendet werden. Der erste Auszug, der die Textsorte „Sachtext/Bericht“ repräsentiert, entstammt dem renommierten amerikanischen Nachrichtenmagazin Time; der zweite Text besteht aus den Anfangszeilen eines für den Fremdsprachenunterricht empfohlenen französischen Jugendromans:

 Sachtext

 Literarischer Text

 Conventional wisdom in the thirtysomething era declares that the American marriage is in serious trouble: a sky-high divorce rate, new stresses and tensions in the sex wars and easy opportunities for extramarital adventures. Not so, according to a new survey conducted by Gallup for Psychology Today and two national TV programs, King World's Inside Edition and ABC's HOME. Although some experts question its accuracy, the poll indicates Americans are surprisingly and happily monogamous.

 In the survey, 90% of husbands and wives said they had never been unfaithful to their spouses, and most gave high approval ratings to their mates.1

 Tous les jours, Grégoire et moi, nous passons un long moment chez lui. J’attends ce moment avec impatience. Depuis plus de deux ans, les heures s’écoulent au lycée jusqu’à cet instant où les murs, les longs couloirs, la voix métallique de monsieur Berriau, tout explose soudain dans la dernière sonnerie. Alors je ressens le goût de la délivrance et c’est un autre temps qui commence.2

 

Abb. 1: Englischsprachiger Bericht und französischsprachiger Jugendbuchauszug

Wie verhält es sich in diesen alltäglichen „Durchschnittstexten“ mit den Anteilen des von anderen Sprechern bereits Vorgeprägten, des Imitativen also, und des von den Verfassern aufgrund der eigenen Sprachkenntnis neu Geformten, sprich des Kreativen? Wie die folgenden Tabellen im Detail belegen, überwiegt in beiden Texten bei weitem der Anteil des Imitativen. Die folgenden Einschätzungen beruhen auf der simplen Erkenntnis, dass alles Imitative mehr als einmal gesagt oder geschrieben worden sein muss. Ich unterscheide im folgenden grob drei Typen „imitativer“ Wortverbindungen:

1. feste Wendungen, d.h. (fast) unveränderliche Wortverbindungen, die in der Linguistik häufig als „Phraseologismen“ bezeichnet werden

2. feste Schemata, d.h. Ausdrucksschablonen, die sich aus einem unveränderlichen und einem begrenzt veränderlichen Bestandteil zusammensetzen (z.B. ... + et moi)

3. Kollokationen, die in erster Annäherung als übliche Wortverbindungen beschrieben werden können, die jeder Muttersprachler sofort erkennt und problemlos produzieren kann. Freie Verbindungen dagegen sind durch Kompositionalität gekennzeichnet: jeder Muttersprachler

 

kann sie aufgrund seiner Kenntnis der Konstituenten der Verbindung nach syntaktisch-semantischen Grundregeln bilden (z.B. dt. erforschen + ..., frz. agréable + ..., engl. blue + ...).

 Lexikalische Einheit

 imitativ

 kreativ

 conventional wisdom

 Kollokation

 

 conventional wisdom + Verbum dicendi (say, argue, etc.)

 

 musterhafte Erweiterung; Verbindungen von conventional wisdom mit Verba dicendi sind übliche Kollokationen; der Gebrauch von declare ist jedoch ungewöhnlich

 thirtysomething era

 in den 90er Jahren gebräuchliches Kompositum (als die Baby-Boom-Generation die 30 überschritt)

 

 in serious trouble (in + trouble, trouble + serious)

 feste Wendung (be in trouble) + Kollokation(en)

 

 divorce rate

 Kompositum

 

 sky-high + rate

 Kollokation

 

 stresses and tensions

 Kollokation (allerdings seltener als stresses and strains)

 

 sex war

 Kompositum

 

 easy opportunities

 Kollokation (AE)

 

 extramarital adventures

 durchaus kollokativ, aber wesentlich seltener als: extramarital affair

 

 conventional wisdom declares + not so

 Distanzkollokation

 

 according to + survey

 Kollokation

 

 survey + conduct

 Kollokation

 

 question + accuracy

 

 freie Verbindung

 poll + indicate

 Kollokation

 

 surprisingly and happily monogamous

 

 freie Verbindung

 90% ... never been unfaithful to their spouses

 

 freie Verbindungen

 give + ratings

 Kollokation

 

 

Abb. 2: Imitative vs. kreative Wendungen im englischsprachigen Bericht

 Lexikalische Einheit

 imitativ

 kreativ

 tous les jours

 feste Wendung

 

 Grégoire et moi

 festes Schema (X et moi)

 

 passer un long moment

 Kollokation

 

 attendre + avec impatience

 Kollokation

 

 depuis plus de deux ans

 festes Schema (depuis X ans / mois / jours / ...)

 

 les heures s’écoulent

 Kollokation

 

 jusqu’à cet instant (où)

 feste Wendung

 

 les longs couloirs

 Kollokation

 

 la voix métallique

 Kollokation

 

 exploser dans (+ Geräusch)

 

 musterhafte Nachbildung

 ressentir + goût

 Kollokation

 

 goût de la délivrance

 (literarische) Kollokation

 

 autre temps

 Kollokation

 

 

 

Abb. 3: Imitative vs. kreative Wendungen im französischen Romanauszug

Der Leser mag sich nun fragen, wie man zu solchen Urteilen gelangt. Eine Möglichkeit bestünde darin, eine größere Zahl kompetenter Sprecher der jeweiligen Sprachen zu befragen. Diesen höchst aufwändigen Weg kann man sich jedoch heute ersparen, indem man die entsprechenden Wortverbindungen in großen Textsammlungen, die auch als Korpora bezeichnet werden, sucht. So taucht z.B. das Syntagma in serious trouble mit signifikanter Häufigkeit in Zeitungskorpora auf; man findet etwa 75 Vorkommen auf 100 Millionen Wörter Zeitungstext. Das lässt den Schluss zu, dass fast allen Briten und Amerikanern diese Wendung geläufig ist; von der Vorkommenshäufigkeit liegt sie etwa auf einer Ebene mit deutschen Wortverbindungen wie in Verlegenheit bringen oder große Sorgen.

Ein weiteres typisches Beispiel für eine Kollokation ist voix métallique. Dieser Ausdruck ist völlig irregulär, da man Stimmen normalerweise nicht mit Metall in Verbindung bringt. Selbst bei Wendungen wie exploser dans la dernière sonnerie, bei denen Muttersprachler wahrscheinlich eher für eine freie, kreative Verbindung plädieren dürften, lassen sich musterhafte Tendenzen nachweisen; in einem Korpus literarischer Texte findet man u.a. folgende Wortverbindungen:

 exploser dans un bruit effroyable / assourdissant

 Puis sa joie vient à exploser dans une exclamation d’enthousiasme

 un long et sourd grognement qui finit par exploser dans un aboiement éclatant

Hier zeigt sich, dass exploser in einem „resultativen“ Gebrauch signifikant mit als laut empfundenen Geräuschen kollokiert. Diese Verwendungsweise mag zwar literarisch sein, hat aber dennoch einen deutlich musterhaften Charakter.

Es zeigt sich an diesen wahllos herausgegriffenen Beispielen, dass die meisten Texte, mit denen wir täglich konfrontiert werden, zum überwiegenden Teil aus „wiederholter Rede“ bestehen. Der britische Sprachwissenschaftler John Sinclair hat zur Beschreibung dieses Sachverhalts den Begriff „idiom principle“ (etwa: Prinzip idiomatischer Prägung) geprägt.3 Nach diesem Prinzip beeinflusst jede Entscheidung über die Auswahl eines bestimmten Wortes die Auswahl anderer Wörter in seiner Nähe. Einschlägige Untersuchungen gehen davon aus, dass ca. 50% bis 80% aller Texte auf der Grundlage des „idiom principle“ zustandekommen, d.h. auf vorgeprägten Wendungen beruhen; wie gesehen, ist für den oben besprochenen Romanauszug die Zahl noch höher anzusetzen.

 

Korpusuntersuchungen zeigen darüber hinaus, dass die Grenze zwischen Kollokationen und freien Verbindungen fließend ist. Je nach Zusammensetzung der zugrundegelegten Korpora lässt sich z.B. eine Kookkurrenz wie book + proclaim als frei oder kollokativ einstufen. Laut Francis4 lassen sich in der Bank of English, dem größten Korpus der englischen Sprache, „nur“ 15 Vorkommen für diese Verbindung finden. Wenn man jedoch ein Korpus von Literaturmagazinen untersucht, findet man die Verbindung noch wesentlich häufiger, so dass sich zumindest von einer fachsprachlichen Kollokation sprechen ließe. Ähnlich verhält es sich mit dem französischen Äquivalent für abschmecken (rectifier, vérifier + assaissonnement), eine Kollokation, die natürlich besonders häufig in Kochbüchern auftaucht.

2. Typen von Kollokationen

Die Aufgabe des Fremdsprachenlerners – will er über rudimentäre Kenntnisse hinausgelangen - besteht also in erster Linie darin, mit den typischen Konstellationen wiederholter Rede, sprich festen Wendungen, Komposita und vor allem Kollokationen, vertraut zu werden. Dies hat auch Franz-Josef Hausmann in seinem eingangs genannten PRAXIS-Aufsatz sowie in einigen anderen Schriften immer wieder unterstrichen. Hausmann5 definiert Kollokationen als „affine Kombinationen“, d.h. Wortverbindungen, deren Komponenten eine gewisse Neigung aufweisen, miteinander aufzutreten; diese Definition ist für fremdsprachendidaktische Zwecke völlig ausreichend. Dabei geht Hausmann6 von 6 Grundtypen von Kollokationen aus, die in der Literatur immer wieder übernommen werden (meine Beispielgebung illustriert gleichzeitig lexikalische Kontraste zwischen dem Französischen und dem Deutschen):

 Kollokationstyp

 Französisch

 Deutsch

 Substantiv (Objekt) + Verb

vraisemblance + heurter / choquer

[sujet: intrigue, action]

maillot jaune + prendre

filet + monter (à)

 Gesetze der Wahrscheinlichkeit + verstoßen gegen [Subjekt: Handlung]

 übernehmen / sich sichern + gelbes Trikot

 gehen (an) + Netz

 Substantiv (Subjekt) + Verb

importance + prendre

 gewinnen (an) + Bedeutung

 Substantiv + Adjektiv

créneau + bon

 Marktlücke + lohnend (*gut)

 Substantiv + Präp. + Substantiv

écharpe de brume, troupeau de moutons

 (Komposita : Nebelschwaden, Schafsherde)

 Adverb + Adjektiv

bien / fermement / fortement / solidement + charpenté

macadam + détrempé

 gut / solide (*stark / *fest) + aufgebaut / strukturiert

 aufgeweicht + Asphalt

 Verb + Adverb

stopper + net

 plötzlich stoppen

 

 

Abb. 4: Die Hausmannsche Kollokationstypologie

Bei genauerer Sichtung einer großen Menge Sprachmaterials erweist sich diese Typologie jedoch in mehrfacher Hinsicht als nicht ausreichend. Schon ein flüchtiger Blick auf die obigen Texte lässt einige weitere häufige Kollokationstypen erkennen: im Falle von goût de la délivrance wird ein Nomen (bzw. Substantiv) durch eine Präposition mit einem weiteren Nomen verbunden; Nomen gehen also nicht nur mit adjektivischen Attributen (goût amer) feste Verbindungen ein, sondern auch mit präpositionalen und infinitivischen (goût de partir). Auch die Zwillingsformel stresses and tensions hat Kollokationscharakter, genauso wie ihr noch gebräuchlicheres Pendant stresses and strains. Bei according to + survey wiederum liegt eine typische Verkettung einer Präposition mit einem Substantiv vor (nicht zu verwechseln mit der umgekehrten Konstellation, bei der das Substantiv die Präposition regiert (survey + by [name of institution], for [client], of [object of study], on [subject]) – solche Fälle lassen sich besser unter dem Begriff „Valenz“ fassen); diese Art von Kollokation ist jedoch im Vergleich zu anderen Typen relativ selten. Schließlich verdient auch die Wendung passer un long moment Beachtung, denn hier handelt es sich um eine Dreierverbindung, die sich aus zwei zweigliedrigen Kollokationen zusammensetzt: der Substantiv-Verb-Kollokation passer + moment und der Substantiv-Adjektiv-Kollokation long + moment. Solche dreigliedrigen Kollokationen erlangen häufig größere Festigkeit als ihre zweigliedrigen Bestandteile: typische Beispiele dafür sind sortir le grand jeu, la neige tombe à gros flocons, mauvais goût achevé, livre rondement mené und petit coin tranquille. Solchen Dreierverbindungen gebührt größere Aufmerksamkeit, als ihnen bisher zuteil wurde.

Bei einer detaillierten Analyse größerer Korpora7 zeigt sich, dass weitere Kollokationstypen signifikant häufig auftreten, und daher in das Blickfeld des Fremdsprachenlehrers gerückt werden sollten; die oben angeführte Hausmannsche Typologie sollte also um die in der folgenden Tabelle skizzierte Kollokationstypologie ersetzt werden. Um Missverständnissen vorzubeugen: es geht natürlich keineswegs darum, den Fremdsprachenlerner mit allen 14 hier aufgelisteten Strukturformeln vertraut zu machen; vielmehr gilt es, bei der Erfassung des Wortschatzes das Augenmerk nicht nur auf einige wenige Typen zweigliedriger Kollokationen zu richten und mehrgliedrige Kollokationen entsprechend ins Bewusstsein zu heben. Sprachenlernen gründet auf Sprachbewusstheit; nur wenn sich Lehrer und Lerner – der Lehrer systematisch, der Lerner exemplarisch – der ganzen Vielfalt typischer Wortverbindungen bewusst sind, können beide dem idiomatischen Prinzip in ihrem Sprachgebrauch genüge tun.

 

 

Kollokationstyp

 Beispiele Englisch

 Beispiele Französisch

 1

N+Attribut (adjek-tivisch, präpositio-nal, infinitivisch)

 bad pain, blanket of fog, chain of shops, shift in public opinion, congratulations are in order

 gros mal, réaction à chaud, vue à couper le souffle, nappe de brume, froid de canard, le lieu de prédilection

 2

N+ Gen. subiectivus

a resurgence of interest

la consommation des ménages

 3

N + Gen. obiectivus

loss of control, the insertion of an intra-uterine device, fear of the unknown

la consommation d’énergie, la dépense d’énergie, la sacralisation des loisirs, la pose d’un stérilet

 4

V + Adv

 to offend deeply, to fail abysmally, to lose by a considerable margin, to vote the other way

 attendre avec impatience, prendre avec philosophie, rabrouer vertement

 5

Adv + Adj

 madly in love, seriously injured, widely different

 follement amoureux, grièvement blessé, frais émoulu

 6

Adv + Adv

well behind, long after, back in order

voire carrément, loin derrière

 7

V + INF

try to avoid, look to see, seek to establish, venture to claim

chercher à comprendre, essayer de trouver, essayer de voir, oser prétendre

 8

N(S) + V

 thunder roars, lightning flashes

 les choses bougent, le tonnerre gronde

 9

V + N(O)

 to spread gossip, to give a concert

 se vider le coeur, crocheter une serrure

 10

ADJ + Präp. + N

white with fear, numb with cold

blême de peur, transi de froid, prêt au compromis

 11

V + PP

 to flush with shame, to hide behind the curtain, to squirm with/in impatience

 rougir de honte, tirer qqn du ruisseau, guetter derrière le rideau, piaffer d’impatience

 12

V + Attribut (Prädikatsnomen / Objektattribut) to

 fall ill, to fall in love, to keep s.th. warm, to get s.th. in order

 tomber amoureux, garder qqc (au) chaud, maintenir qqc en éveil, avoir le/la ... facile

 13

ADJ + INF

easy to use, keen to fit in, ready to compromise

facile à vivre, agréable à fréquenter, difficile à atteindre

 14

N / V / ADJ / ADV / Partikel + Kollokation / Phrasem / ADV

men of a certain age, subject to revision, to leave something to be desired, a great big smile, at first blush ... on inspection, not wildly original

le suspense / problème / mystère reste entier ; un homme d’un certain âge, un ami de longue date; en butte aux critiques ; petit coin tranquille ; avoir un geste déplacé ; la neige tombe à gros flocons, pas follement original, absolument rien, de même + de même que, à première vue + en fait, c'est-à-dire + en l'occurrence

 

Abb. 5: Häufige Kollokationstypen

Da die einzelnen Kategorien für sich selbst sprechen, soll hier auch aus Platzgründen eine eingehende Erläuterung ausbleiben. Die Kollokationskategorien, die bisherige Typologien nicht oder unzureichend erfasst haben, sind kursiv gesetzt. Natürlich umspannen auch diese 14 Kategorien nicht das ganze Spektrum aller denkbaren Kollokationstypen; es finden sich aber jene wieder, die in Texten am häufigsten auftreten.

Besondere Aufmerksamkeit verdient Kategorie 14. Innerhalb dieser Kategorie findet ein Typ von Kollokation seinen Platz, der für die Konstitution von Texten von großer Bedeutung ist, aber in der bisherigen Forschung völlig unbeachtet blieb: diesen Kollokationstyp bezeichne ich als „Distanzkollokation“8. Bei Distanzkollokationen können die einzelnen Konstituenten

 

nie in direkter Folge auftreten. Zur Verdeutlichung zwei Textbeispiele für die Distanzkollokation turning to ... we find/note:

 Turning to  the use of semi-auxiliary is to/are to in if-clauses,  we find  that a fifth of the instances in the sample (and 1340 in the corpus as a whole) appear in this syntactic environment.

 In this respect the speech of younger British speakers appears to be following the lead of American English.  Turning to  the speech of older speakers,  we note  some words which are suggestive of hesitation, uncertainty or turn manipulation: well, mm, er.

Es steht zu vermuten, dass die Aneignung solcher Distanzkollokationen eine wichtige Rolle beim Erwerb der Schriftsprache spielt, da Distanzkollokationen häufig bestimmte rhetorische Muster enkodieren. Ein Beispiel dafür liefert das Zusammenspiel der Zweierverbindung conventional wisdom declares mit dem Phrasem not so im obigen Beispieltext (Abb. 1). Not so leitet nämlich immer den zweiten Teil einer konzessiven Struktur ein; dem Phrasem gehen häufig Wendungen des Typs some might think, it was hoped oder it seemed as if voraus, wie das folgende Beispiel zeigt:

 Some might think Volkswagen, which now owns 70 per cent of the Czech company, would have thought the Skoda's identity problematic. Not so. VW sees Skoda as one of the most recognised brand names in advertising.

3. Kollokationen im (Lern-)Wörterbuch

Neben der bisher lückenhaften Beschreibung wichtiger Kollokationstypen melden sich schließlich auch ernsthafte Bedenken gegen die Behandlung von Kollokationen in Wörterbüchern und der einschlägigen Fachliteratur. Dem Benutzer wird der Eindruck vermittelt, dass Kollokationen gleichsam „mechanische“ Verbindungen von Einzelwörtern sind. In vielen Fällen trifft dies sicherlich auch zu: hat man die Affinität von tighten und screw erst einmal verinnerlicht, so lässt sich diese Verbindung in jeglicher morphosyntaktischer Variation und beliebigen Kontexten gebrauchen. Mit vielen Kollokationen verhält es sich jedoch anders; dafür einige Beispiele:

Die französische Substantiv (Objekt)-Verb-Kollokation situation („ensemble des circonstances dans lesquelles une personne (un pays, une collectivité) se trouve“, Petit Robert) + faire unterliegt erheblichen syntaktischen Beschränkungen, wie folgende Konkordanz zeigt:

 

libéral, il protesta contre la situation faite aux protestants, et cont

notamment au Transvaal, où la situation faite aux immigrants venus exp

ty International stigmatise la situation faite aux prisonniers guinéens

'Etat français au regard de la situation faite à la Corse. C'est du bou

 

Abb. 6: Konkordanz der Kollokation situation + faire

Es ist deutlich zu erkennen, dass das Verb faire innerhalb dieser Kollokation stets einen partizipial verkürzten Relativsatz einleitet. Andere Konstruktionen sind nicht möglich: ein Satz wie „on a fait une situation (ADJ) aux protestants“ entspricht nicht französischen Vertextungskonventionen.

Betrachten wir nun die englischen Kollokationen example + afford/provide. Auch diese weisen ein spezifisches syntaktisches Verhalten auf. Während sie sich bequem in Aussagesätzen des Typs a good example is provided/afforded by + NP gebrauchen lassen, ist ihre Verwendung in Infinitivsätzen des Typs to + INF + example unmöglich. In dieser syntaktischen Umgebung finden wir dagegen üblicherweise die Verben take, cite, give, use und name mit besonderer Häufigkeit.

Ein drittes Beispiel stellen französische Kollokationen des Typs avoir + bestimmter Artikel + Substantiv + facile dar. Aus der Bedeutung der Kollokation ergibt sich, dass das Verb avoir normalerweise nicht im passé composé oder im futur gebraucht werden kann:

 ... les Ricains ont le portefeuille facile (Autobiographie)

 Tu as le contact facile, hein ? (Roman)

 J’ai le mépris facile. (Roman)

 Il a le sourire facile. (Tagebuch)

 On a le tutoiement facile. (Zeitung)

 J’avais le blasphème facile. (Chansontext)

 

Aus dem Vorstehenden ergibt sich, dass zukünftige Lernwörterbücher die für Kollokationen spezifischen Restriktionen verzeichnen sollten. Dies nimmt dem Plädoyer Bahns für eine konzeptuelle Trennung von Kollokation und Kontext nichts von seiner Wichtigkeit: Einzelwörter sind in Kollokationen vorzustellen; die Kollokationen wiederum sollten in vielen Fällen kontextuell eingebettet dargeboten werden. Langenscheidts Kontextwörterbuch Französisch gelingt dies teilweise durch die Verwendung treffender Beispielsätze. So heisst es zur Illustration der Kollokation modérer, tempérer sa fougue:

 Le pianiste a modéré la fougue de ses débuts. Il y a gagné en classicisme, mais certains de ses admirateurs ont été déçus.

 

Dieses Beispiel ist optimal gewählt, denn es weist den Benutzer darauf hin, dass die Kollokation mit Bezug auf künstlerische Darbietungen verwendet werden kann, und dass sie außerdem häufig in Kontexten gebraucht wird, in denen eine altersbedingte Temperamentsänderung beschrieben werden soll.

4. Das Lernen von Kollokationen

Im soeben genannten Wörterbuchbeispiel zeigt sich auf einer weiteren Ebene, wie imitativ der Sprachgebrauch bzw. das Sprachlernen ist: die Aufgabe des Sprachenlerners ist nicht etwa damit getan, dass er eine bestimmte Wortverbindung gleichsam als mechanische Figur (A + B: modérer + fougue) kennt; nein, er muss darüber hinaus die Figur in ihren typischen Hintergrund (künstlerische Darbietung, Temperamentsänderung) einbetten können. Wortschatzlernen ist Kollokationslernen, wie wir seit Hausmanns Aufsatz wissen; Kollokationslernen ist das Lernen von Figur-/Hintergrundbeziehungen.9

Auch wenn völlig gesicherte Erkenntnisse über die Speicherung von Kollokationen im mentalen Lexikon nicht vorliegen und wahrscheinlich nie zu erlangen sein werden, so sprechen die vorstehenden Ausführungen für die Annahme einer kontextuellen, wortfeld- oder erlebnisspezifischen Speicherung von Kollokationen: will ich auf Deutsch mein subjektives Erleben der Landschaft bei einer Auto- oder Zugfahrt in Worte fassen, so wird mir sofort der Ausdruck „Vorbeiziehen (oder auch: Vorüberziehen, Vorbeirauschen, Vorbeirasen, Vorbeifliegen) der Landschaft“ in den Sinn kommen; auf Französisch werde ich an le paysage défile denken; im Englischen bietet sich mir eine etwas größere Auswahl an Verben, durch die ich die Geschwindigkeit und Art der Bewegung noch variantenreicher als im Deutschen und Französischen zum Ausdruck bringen kann: I watched the scenery / landscape go by / pass by / flash by / fly by / rush by / sweep by / roll past usw. Bei der Dekodierung liegen die Dinge noch eindeutiger: die Kollokation „die Landschaft zog an mir vorbei“ wird von anderen Sprechern sofort in den Kontext einer Auto- oder Zugreise eingeordnet. Fast alles scheint also für die mentale Speicherung der Kollokation als konzeptueller Einheit zu sprechen, wie schon Bally10 und Leonhardi11 bemerkten. Aller Wahrscheinlichkeit nach stellt der Sprachlerner also nicht etwa eine Verbindung zwischen den in seinem mentalen Lexikon bereits vorhandenen Einzelwörtern „vorbeiziehen“ und „Landschaft“ her; vielmehr merkt er sich für den Kontext „Reisebeschreibung“ die konzeptuelle Einheit „Landschaft zieht vorbei“.

 

In einem hervorragenden Überblicksaufsatz kommt Zöfgen12 dementsprechend zu dem Schluss, dass eine gelegentliche Änderung der Rezeptionshaltung beim Lesen fremdsprachlicher Texte von größter Wichtigkeit für das Kollokationslernen ist. Dies vor allem deshalb, weil der fremdsprachliche Lerner dazu neigt, insbesondere leicht dekodierbare fremdsprachliche Kollokationen wie passer un long moment, attendre avec impatience, devenir amis, provide an example, in serious trouble, close friends, (snow +) fall heavily nicht wahrzunehmen; das fremdsprachliche Input wird gewöhnlich als inhaltliche Ganzheit erfahren, so dass einzelnen sprachlichen Elementen höchstens dann Aufmerksamkeit geschenkt wird, wenn sie ungewöhnlich oder unbekannt sind. Zöfgen schlägt daher vor, „fremdsprachige Texte verstärkt unter formorientierten Vorzeichen zu verarbeiten“, d.h. insbesondere leicht dekodierbare Kollokationen bewusst mental – z.B. durch wörtliche Übersetzung – oder physisch – z.B. durch Unterstreichen – festzuhalten. Zöfgens Überlegungen sind in zweierlei Hinsicht zu ergänzen: erstens nimmt er nur die Zweierverbindungen in den Blick; wie die bisherigen Ausführungen gezeigt haben, sollte das Bewusstsein des Lerners jedoch gleichermaßen für mehrgliedrige Kollokationen geschärft werden. Zweitens sind die Gebrauchsbedingungen bestimmter Kollokationen genau zu erfassen bzw. zu berücksichtigen. Betrachten wir einmal Zöfgens Beispiel engager un procès contre qqn. Diese Wendung – wie ihr deutsches Pendant einen Prozess gegen j-mden anstrengen – ist stilistisch markiert; in der Umgangssprache würde man ihr faire un procès à qqn vorziehen. Dies ist nicht die einzige eher schriftsprachliche Kollokation, die Zöfgen anführt; ähnliches gilt für fournir un effort (-> faire un effort). Generell ist darauf zu achten, dass eine übertriebene Aneignung zeitungssprachlicher oder literarischer Kollokationen dieser Art zu einer Unnatürlichkeit im mündlichen Ausdruck führen kann. Gerade bei solchen Kollokationen wie fournir un effort stellt der Verbalkollokator ja eine stilistische Variation des Allerweltswerbs faire dar, die nur auf einer gehobenen Stilebene üblich ist (ebenso bei assurer + promotion / suivi / ramassage / réparation / maintien / montage / ..., effectuer + achat / paiement / aller et retour / chute / essai / déplacement / débuts / ..., consentir + effort / sacrifice / réduction ... ). Neben solchen Hinweisen auf die Stilebene sind andere Kontextmerkmale ins Bewusstsein des Lerners zu befördern, wie situative Einbettung (paysage + défiler -> trajet en voiture / train / car, situation + faire -> à un groupe religieux ou ethnique, à la population d’un pays) und syntaktische Restriktionen (situation + faire -> la situation faite à).

Übungen zum Kollokationslernen sollten daher thematisch eingebettet werden; unter der Überschrift „Ernährung“ ließen sich z.B. Kollokationen wie die folgenden einüben:

 

combler (apaiser, assouvir, calmer, tromper) une petite faim, rompre / casser la chaîne du froid, garder le café au chaud, filet de citron (de jus de citron, de vinaigre, d’eau), surveiller / soigner son alimentation, faire (entamer, entreprendre, suivre) un régime, étancher (assouvir) sa soif, piquer la langue, couper (le cabillaud, le lard, le jambon) en tranches (usw.)

Von Übungen, die ohne jegliche thematische Einordnung einfach das mechanische Verbinden von Kollokationsgliedern (Basen und Kollokatoren) verlangen, ist in vielen Fällen abzuraten.

Eine weitere Frage, die sich aus Zöfgens Überlegungen ergibt, betrifft die Kollokationsauswahl in der Wortschatzarbeit. Wenn mehr als 50% eines Textes aus Kollokationen bestehen, dürfte es normalbegabten Schülern unmöglich sein, alle Kollokationen des Textes zu erwerben. Insbesondere bei der Behandlung von Jugendromanen, in denen fast alles kollokativer Natur ist, gilt es daher, die frequentesten Ausdrücke auszuwählen (d.h. im obigen Text [Abb. 1] neben den sicherlich aus dem Lehrwerk bekannten depuis X ans und tous les jours vor allem passer un long moment, attendre avec impatience und heures + s’écouler).

Schließlich sollte der Lehrende im Literaturunterricht eine sorgfältige Textauswahl vornehmen, die die kollokative Struktur des zu besprechenden Werks berücksichtigt. Ein fremdsprachenunterrichtlich relevanter literarischer Text sollte möglichst viele typische, moderne Kollokationen enthalten und nicht „kollokativ verfremdet“ sein. Wenig geeignete Autoren sind unter diesem Gesichtspunkt z.B. Claude Simon oder Eugène Ionesco.

4. Kreativer Umgang mit Kollokationen: Kollokationsregeln

Lassen sich für den Umgang mit Kollokationen Regeln formulieren oder sind diese rein willkürliche Zufallsprodukte der Kommunikation, die sich jeglicher Systematisierung entziehen? Diese Frage verlangt eine nuancierte Antwort.

Auf einer grundlegenden Ebene haben wir oben bereits gesehen, dass jeder Sprecher aus vorhandenen zweigliedrigen Kollokationen gleichsam „semi-kreativ“ Dreierverbindungen bilden kann. Dies lässt sich auch Schülern problemlos vermitteln, etwa anhand eines Schemas wie des folgenden:

 

verbs

noun

 

noun

adjectives

give

 

 

 

good

provide

 

 

 

pertinent

cite

+ example

 

example +

apt

use

 

 

 

well-chosen

adduce

 

 

 

fine

 

Abb. 7: Schema zur Generierung von Kollokationen

Anhand dieses Schemas lassen sich 25 korrekte Dreierverbindungen bilden, die zur Beschreibung der Beispielgebung eines Autors verwendet werden können, also z.B. the author cites a pertinent example of ... oder the author provides an apt example.

In der wortschatzdidaktischen Literatur gibt es jedoch noch weitergehende Vorschläge zu Kollokationsregeln. Besonders nützlich erscheinen mir Faustregeln zur Dekodierung, wie Hartenstein13 sie vorschlägt. Ein Beispiel:

„Willst Du eine neue Lexemkollokation, in der ein Element vorkommt, das Du bisher als nichtfrei verwendetes Element kennst, z.B. dt. ein dünnes Argument (frz. une passion ardente, engl. to launch an attack, ...) richtig verstehen, so betrachte die nichtfreie Komponente in ihrer freien Bedeutung, hier z.B. ein dünnes Brett (bzw. un fer ardent; to launch a ship ...) und versuche Gemeinsamkeiten zwischen dieser Bedeutung und der Bedeutung festzustellen, die die nichtfreie Komponente in der neuen Lexemkollokation haben könnte, hier „extremer Zustand (dünn, ardent)“ (bzw. „etw. in Bewegung bringen (to launch)“) ... Achte dabei ebenfalls auf die Bedeutung des freien Elements der Kollokation, um die Bedeutung der nichtfreien Komponente richtig zu erschließen.“

Mithilfe dieser Regel lassen sich zahlreiche Kollokationen durch den Lerner dekodieren; natürlich gibt es, wie Hartenstein einräumt, auch Ausnahmen, wie z.B. engl. to pay a visit.

Regeln, die auf die Produktion neuer Kollokationen abzielen, sind dagegen mit Vorsicht zu genießen und nur für weit fortgeschrittene Lerner zu empfehlen. Am ehesten führen noch Hartensteins Produktionsregeln zu einem korrekten, „semi-kreativen“ Gebrauch von Kollokationen, z.B.:

Nimm bei Substantiven, die Getränke und Speisen bezeichnen, z.B. Wein, Eintopf u.ä. das Adjektiv herzhaft, wenn Du ausdrücken willst, daß es sich um einen kräftigen, d.h. nicht

 

süßen oder nicht milden Geschmack handelt. Vgl. z.B. ein herzhafter Gewürztraminer < eine herzhafte Salami, ein herzhafter (Grill)Schinken, ... >

Auf dieser Basis können Lerner des Deutschen weitere Kollokationen wie ein herzhafter Riesling, ein herzhaftes Steak oder eine herzhafte Suppe bilden. Man kann solche Regeln natürlich auch schlicht und ergreifend durch die Reihung bestimmter Substantive andeuten, wie es z.B. im Collins Cobuild English Dictionary oder im noch in der Vorbereitung befindlichen Dictionnaire d’apprentissage du français langue étrangère ou seconde14 geschieht:

[evade 4] If somethings such as success, glory, or love evades you, you do not manage to have it; a literary use. (Collins Cobuild English Dictionary, s.v. evade; Unterstreichung von mir)

[constructif] un dialogue, un débat constructif, une proposition, une critique constructive apporte une amélioration, contribue à une solution sans se limiter à critiquer (Dafles, s.v. constructif; Unterstreichung von mir)

Auf der Grundlage solcher Definitionen, die gleichzeitig Kollokationsregeln darstellen, kann der Lerner ohne allzu große Gefahr, fehl zu laufen, neue Aussagen bilden, z.B. he finally found the assurance that had evaded him for years oder il n’y a pas eu de discussion constructive.

Nur für sehr weit fortgeschrittene Lerner lassen sich schließlich auch sogenannte Denkmetaphern nutzen, wie Scherfer15 sie diskutiert. So stellt Scherfer z.B. einige Entsprechungen im Bereich der Denkmetapher „Zeit ist Geld“ vor:

dilapider/gaspiller de l’argent / du temps (engl. waste/squander money/time)

économiser de l’argent / du temps (engl. save money/time)

gagner de l’argent / du temps (engl. gain money/time)

Aufgrund der Arbitrarität der Kollokationsbildung ist jedoch auf solche Analogiebildungen nicht immer Verlass. So weist Bahns16 z.B. darauf hin, dass im Englischen sowohl spend money als auch spend time Kollokationen darstellen, während es im Deutschen Geld ausgeben

 

und Zeit verbringen heißt. Nützlich erscheinen mir die Denkmetaphern eher für die wenigen Lerner zu sein, die bereits über einen soliden Kollokationsschatz verfügen und sich an kreative Erweiterungen von Kollokationen heranwagen können. Nehmen wir als Beispiel einen Lerner, der folgende Kollokatoren des Substantivs understanding kennt:

arrive at, gain, reach; deep(er), greater, full(er)

Außerdem ist er dem selteneren Synonym appreciation bereits in folgenden Verbindungen begegnet:

gain, reach; greater

Den Verbalkollokatoren liegt die Denkmetapher „Verstehen ist ein Ort, der erreicht (bzw. überwunden, gewonnen) werden muss“ zugrunde; den Adjektivkollokatoren liegt die Denkmetapher „Verstehen ist ein Raum, der vergrößert werden kann“ zugrunde. Es wäre daher kein allzu großes Wagnis, eine „neue“ Kollokation wie arrive at a greater/deeper appreciation (of s.th.) zu bilden. Bei solchen Neubildungen von Wortverbindungen sind wir jedoch endgültig an der Grenze dessen angelangt, was auch ein begabter Fremdsprachenlerner erreichen kann. Sie scheinen nur bei Synonymiebeziehungen zwischen Neubildung und Modell möglich und sollten dem universitären Unterricht vorbehalten bleiben.

5. Wichtige Schlussfolgerungen für den Unterricht

In der unterrichtlichen Praxis sollte der Lehrende größten Wert darauf legen, das Bewusstsein für Kollokationen als Gestalten, die aus Figur und Hintergrund bestehen, zu schärfen. Dies scheint mir nur sehr eingeschränkt über die reine Auflistung von Basen und Kollokatoren möglich, wie sie in der Literatur immer wieder vorgenommen wird. Vielmehr gilt es, die Lerner bei der Rezeption gesprochener und vor allem geschriebener Sprache nach Kollokationen suchen zu lassen. So kann z.B. nach der Sicherung des Globalverständnisses eines fremdsprachigen Hörtextes eine Liste deutscher Kollokationen (z.B. ein Attentat vereiteln) oder fremdsprachiger Basen (z.B. attentat + ?) vorgelegt werden, deren Äquivalente bzw. Kollokatoren die Lerner beim zweiten oder dritten Hören ermitteln sollen. Danach sollte zumindest exemplarisch – z.B. mit Hilfe von Konkordanzprogrammen – die typische kontextuelle Einbettung einzelner Kollokationen herausgearbeitet werden. Bei der

 

Reproduktion von Texten in Form von Zusammenfassungen sollte – entgegen der üblichen Praxis – eine Übernahme bestimmter Schlüsselkollokationen nicht nur erlaubt, sondern sogar gefördert werden. Das in der Schulpraxis übliche, „erzwungene“ Umformulieren ist kontraproduktiv und gleichsam widernatürlich: welcher Zweitsprachenlerner käme auf die Idee, eine gerade neu aufgeschnappte Wendung innerlich zu reformulieren? Wer sich damit überhaupt nicht anfreunden kann, sollte seinen Schülern zumindest Paralleltexte vorlegen, die dasselbe Thema mithilfe anderer Kollokationen behandeln. Beim Verfassen ihrer Zusammenfassung oder ihres Kommentars zu dem im Unterricht besprochenen Text können die Schüler dann auf „abgesicherte“ Alternativkollokationen zurückgreifen.

1 Time, 19. Februar 1990, S. 91.

2 Marie-Aude Murail, Dinky rouge sang, Paris: Médium, 1991, S. 11.

3 John M. Sinclair. Corpus, Concordance, Collocation Oxford: Oxford University Press, 1991.

4 Susan Hunston, Gill Francis. Pattern Grammar. A corpus-driven approach to the lexical grammar of English Amsterdam/Philadelphia: John Benjamins, 2000, S. 132.

5 Franz Josef Hausmann. „Wortschatzlernen ist Kollokationslernen. Zum Lehren und Lernen französischer Wortverbindungen“, in: PRAXIS 4/1984, S. 398.

6 vgl. z.B. Franz Josef Hausmann, „Le dictionnaire de collocations - Critères de son organisation“, in: Norbert Greiner, Joachim Kornelius, Giovanni Rovere (Hg.) Texte und Kontexte in Sprachen und Kulturen. Festschrift für Jörn Albrecht. Trier: Wissenschaftlicher Verlag, 1999, S. 121-139.

7 Siepmann, Dirk. „Eigenschaften und Formen lexikalischer Kollokationen. Wider ein zu enges Verständnis“, in: Zeitschrift für französische Sprache und Literatur 3/2002, S. 255ff.

8 D. Siepmann „Eigenschaften ...“.

9 Helmuth Feilke. Sprache als soziale Gestalt. Ausdruck, Prägung und die Ordnung der sprachlichen Typik. Frankfurt: Suhrkamp, 1996, S. 261.

10 Charles Bailly. Traité de Stylistique Française (Vol. 1) Genf : Librairie Georg & Cie, 1909/1951, S. 17ff.

11 Arnhold Leonhardi. „Die natürliche Spracheinheit“, in: PRAXIS 1/1964, S. 17-22.

12 Ekkehard Zöfgen. “Lexikalische Zweierverbindungen: ‚Vertraute Unbekannte’ im mentalen Lexikon germanophoner Französischlerner“ in: französisch heute 1/2001, 89-107.

13 Klaus Hartenstein. "Faustregeln als Lernhilfen für Lexemkollokationen (vorgeführt am Beispiel des Deutschen, Englischen, Französischen und Russischen)" in: Hartenstein, Klaus (Hrsg.), Aktuelle Probleme des universitären Fremdsprachenunterrichts (ZFI Arbeitsberichte 11/1996, herausgegeben vom Zentralen Fremdspracheninstitut der Universität Hamburg), S. 110.

14 vgl. http://www. http://www.kuleuven.ac.be/grelep/projets/dafain.htm.

15 Peter Scherfer. „Zu einigen wesentlichen Merkmalen lexikalischer Kollokationen“ in: Lorenz-Bourjot, M./Lüger, H.-H., Phraseologie und Phraseodidaktik, Wien: Edition Prasens 2001, 3-20.

16 Jens Bahns. Kollokationen und Wortschatzarbeit im Englischunterricht. Tübingen: Narr 1997, S. 179.