This article
was published in Neusprachliche Mitteilungen aus Wissenschaft und Praxis
1/2003.
Dirk Siepmann
Schreiben auf
der gymnasialen Oberstufe: acht Thesen zur bestehenden Praxis im
Englischunterricht und Vorschläge für einen Teillehrplan
0.
Einführung
Der vorliegende Beitrag ist aus unmittelbaren
Beobachtungen des Praktikers erwachsen. Ausgangspunkt war die Feststellung,
dass im Englischunterricht der gymnasialen Oberstufe weder die Schreib- noch
die Sprechfertigkeit Gegenstand einer gezielten, didaktisch durchdachten
Schulung und Förderung sind. Im Rahmen dieses Beitrags soll die Schreibfertigkeit
näher in den Blick genommen werden. Zunächst werden Mißstände und Probleme in
Form von Thesen formuliert. Dann werden Verbesserungsvorschläge gemacht, die
sich an der langjährigen Praxis des "current-traditional approach" im
mutter- und fremdsprachlichen Aufsatzunterricht der Vereinigten Staaten (vgl.
z.B. Grabe/Kaplan 1996) sowie neueren didaktischen Ansätzen aus der
Korpuslinguistik orientieren. Der vorgeschlagene Teillehrplan wurde in
Lehrerfortbildungsveranstaltungen diskutiert und erfuhr dort eine durchweg
positive Resonanz.
1. Acht Thesen
zum fremdsprachlichen Schreiben auf der gymnasialen Oberstufe
Hier sollen zunächst acht grundlegende Thesen zur
Problematik des fremdsprachlichen Schreibens auf der gymnasialen Oberstufe
verfochten werden:
These 1:
Schreibunterricht findet auf der gymnasialen Oberstufe de facto nicht statt
Diese These bildet den Ausgangspunkt für meine
Überlegungen. Im Fremdsprachenunterricht der gymnasialen Oberstufe klafft ein
eklatantes Missverhältnis zwischen schriftlicher Prüfungspraxis und
Schreiblehre. Die schriftlichen Leistungen (sprich: Klausuren) der Schüler
gehen zwar im Regelfall zu 50% in die Gesamtnote ein, der Schreibprozess und
dessen Lernbarmachung indes werden in den seltensten Fällen thematisiert; allenfalls
gilt das Interesse der Lehrkraft dem Schreibprodukt in seiner
satzgrammatisch-lexikalischen Dimension. Paradoxal an dieser Situation ist,
dass hier eine Fertigkeit, die selten oder gar nicht im Unterricht praktiziert
oder geübt wird, hohe Prüfungsrelevanz hat.1
Überspitzt ließe sich sagen, dass
Oberstufenklausuren in vielen Bundesländern die Funktion von als Textaufgaben
getarnten Grammatiktests zukommt. Es wird also nicht die Fähigkeit des Schülers
beurteilt, einen fremdsprachlichen Text zu verfassen, sondern jene, in nach
muttersprachlichen Gebrauchsnormen gestalteten, nicht unbedingt kohärenten
Satzfolgen möglichst wenige grammatikalische und lexikalische Verstöße zu
begehen. Dabei geht man von der irrigen Annahme aus, dass deutsche und
englische Texte sich in ihrem Aufbau nicht oder nur geringfügig voneinander
unterscheiden. Man braucht kein Pädagoge oder Fremdsprachendidaktiker zu sein,
um den Widersinn einer solchen Praxis zu erkennen.
In den folgenden Thesen sollen einige der in dieser
Leitthese angedeuteten Kritikpunkte weiter ausgeführt werden.
These 2:
Gymnasiale Fremdsprachenlehrer sind für die Vermittlung der Schreibfertigkeit
unzureichend gerüstet
Wer auszieht, das fremdsprachliche Schreiben zu
lehren - mehr noch: zu bewerten -, sollte es selbst relativ intensiv und
vielfältig betreiben. Mit der Schreibpraxis unserer Fremdsprachenlehrer - und
damit wohl auch mit der Lehr- und Bewertungskompetenz - ist es jedoch nicht
weit her. Gute, oft rein theoretische Kenntnisse der Grammatik, der Lexis oder
der Rechtschreibung einer Sprache sind eben nicht mit Schreibkompetenz oder
-praxis gleichzusetzen.
Damit soll keinesfalls das ohnehin lädierte Image
der bundesdeutschen Lehrer noch weiter geschwärzt werden. Vielmehr geht es um
den Nachweis einer unzureichenden Verzahnung von Erstausbildung und späterer
Praxis. Obwohl nach Meinung führender Fremdsprachendidaktiker (z.B. Meißner
1997) eine nativ-nahe (Schreib-)Kompetenz einen wichtigen Bestandteil des
Anforderungsprofils zukünftiger Fremdsprachenlehrer darstellt, wird die
Ausbildung der Fremdsprachenlehrer derartigen Anforderungen bisher überhaupt
nicht gerecht. An keiner mir bekannten Universität ist es z.B. Pflicht, im
Fremdsprachenstudium Seminararbeiten in Linguistik oder Literaturwissenschaft
in der Fremdsprache zu verfassen.
These 3: Die
Beurteilung der Schülerarbeiten wird dem Text als sprachlichem Gebilde nicht
gerecht
Wie oben bereits angedeutet, ist das Bild, das sich
die meisten Fremdsprachenlehrer von Texten in der von ihnen vertretenen Fremdsprache
machen, stark an der traditionellen Grammatik orientiert; dies lässt sich am
deutlichsten an der Wahl der Fehlerkorrekturzeichen ablesen (Siepmann 2002).
Dass z.B. englischsprachige Texte sich von deutschsprachigen etwa in der
Struktur ihrer Absätze (Williams 1990, Harris 1990), in ihrer lexikalischen
Dichte (Ventola 1996) oder in der Thema-Rhemastruktur (Gerzymisch-Arbogast
1994: 132-140) unterscheiden, hat sich hierzulande noch nicht herumgesprochen,
ja selbst die soeben genannten Begrifflichkeiten dürften den meisten
Fremdsprachenlehrern nicht oder nur schemenhaft geläufig sein: englische
Absätze bauen meist auf einen zentralen Themasatz (point sentence, topic
sentence) auf; die Hauptaussage des englischen Satzes wird in einem
geringeren Maße als im Deutschen von Nomina getragen; schließlich bemühen sich
kompetente Schreiber des Englischen, alte Informationen (= Thema) an den Anfang
des Satzes zu stellen und die Themata eines Absatzes inhaltlich relativ
konstant zu halten.2
Selbst unterhalb der Satzebene sind die
interlingualen Unterschiede oft größer als bisher angenommen; neben den von der
traditionellen deskriptiv-kontrastiven Semantik (Leisi 1953) beschriebenen Unterschieden betrifft dies
vor allem die Kollokationseigenschaften von Einzelwörtern (Hausmann 1993;
Siepmann 2003) und dabei insbesondere die semantische Prosodie (Sinclair 1991,
Stubbs 1995). Aus korpusgestützter Forschung geht hervor, dass das von Sinclair
(1991) sogenannte „idiom principle“, nach welchem Muttersprachler einer Sprache
häufig auf vorgefertigte Wortverbindungen zurückgreifen, auf einen weit
größeren Teil authentischer Texte zutrifft als bisher vermutet. Über 20% aller
Wortverbindungen in schriftlichen Texten sind nämlich feste "lexikalische
Bündel" der Art by the fact that,
similar to that of, the presence of the, it is interesting to, size and shape,
theory and practice (Biber 1999: 995 ff.); hinzu kommt die große Zahl von
Kollokationen und Phraseologismen, so dass man davon ausgehen kann, dass
insgesamt mindestens 40%-50% aller Wörter in authentischen Texten in einem
Zusammenhang "wiederholter Rede" stehen. Bedenkt man nun, dass ein
Großteil der Kollokationen sich zwischensprachlich unterscheiden, wird die
ungeheure Aufgabe deutlich, vor die sich der Fremdsprachenlerner gestellt
sieht.
These 4: Der
Schreibprozess wird weder thematisiert noch eingeübt
Trotz der fast unübersehbaren Literatur, die sich
mit der Analyse und/oder Lernbarmachung des Schreibprozesses im
Fremdsprachenunterricht befasst, wird das Verfassen von Texten immer noch in
die häusliche Arbeit verlegt. Angesichts der Komplexität des Schreibprozesses,
wie sie in vielen Studien zutage getreten ist, kann man eine solche Praxis kaum
als schreibfördernd bezeichnen. Dem Schüler bleibt die Prozeßhaftigkeit der
Vertextung und ihre Zerlegbarkeit in Teilprozesse verborgen. Er muss sein Werk
in der Unterrichtsstunde alleine gegenüber dem Lehrer und der Klasse
rechtfertigen. Mit anderen Schreib(prozess)hilfen als dem Wörterbuch (d.h.
Konkordanzprogrammen, Mustertexten, Lautdenkprotokollen, Schreibtagebüchern)
bleibt er meistens unvertraut; selbst das Wörterbuch wird meist nur zur
Dekodierung verwendet, obwohl moderne Lernerwörterbücher speziell für Zwecke
der Enkodierung konzipiert worden sind (vgl. z.B. Herbst/Popp 1999).
These 5:
Gängige Schreibaufgaben behindern die Entwicklung der Schreibfähigkeit
Schreibaufgaben verlangen gewöhnlich die
Beantwortung einer oder mehrerer Fragen zu einem in der Schule besprochenen
Text. Wieder präformiert in diesem Fall die Prüfungspraxis die Übungspraxis,
denn fast 100% aller fremdsprachlichen Klausuren beruhen auf einer Textanalyse
anhand vorgegebener Fragestellungen.
Ohne die schon vor langer Zeit geführte Diskussion
um die Themaaufgabe hier wieder aufrollen zu wollen (vgl. z.B. Mundzeck 1986),
sei jedoch in Erinnerung gerufen, dass die Beantwortung einer Frage nicht der
Erstellung eines Textes gleichkommt. Das Dilemma wurde schon 1974 von der
Hamburger Schulbehörde erkannt:
'Zu bedenken ist (...), daß eine kleinschrittigere,
enge Führung zwar die Meßbarkeit der Ergebnisse begünstigt, aber die Motivation
und die Entfaltung selbständiger Schülerleistungen hemmen kann. Großzügige
allgemeinere Formulierung der Fragen und Arbeitsanweisungen bringt andererseits
die Gefahr des unstrukturierten Nacherzählens oder des Ausweichens in
vorgefertigte Verallgemeinerungen mit sich.' (Behörde für Schule, Jugend und
Berufsbildung der Freien und Hansestadt Hamburg, Handreichungen für den Englischunterricht auf der Studienstufe; in:
Hurst/Nissen/Schulz 1979: 8)
Zu ergänzen wäre, dass die Konzentration auf einen Fragenkatalog die Vermittlung verschiedener Textsorten mit ihren jeweils eigenen Konventionen verhindert. Unsere Schüler lernen eng umrissene Fragen zu beantworten; was sie dagegen selten lernen, ist englischsprachige Zusammenfassungen, Abstracts, Berichte, Kurzbiographien oder Geschäftsbriefe zu schreiben, um nur einige Textsorten zu nennen, deren Praxisrelevanz niemand bestreiten wird. Um es noch deutlicher zu formulieren: das Schreiben in der Schule (und in der Universität) wird realen Schreibaufgaben nicht gerecht, wie auch Götz (1992) mit Nachdruck feststellt:
'Die schulischen Ausbildungsgänge nehmen die
nachschulischen englischsprachigen kommunikativen Schreib- und Verschriftlichungsprozesse
weder in ihrer Spezifik noch in ihrer Breite und Repräsentativität in den Blick
und zum Ausgangspunkt für Planung und Aufbau einer gezielten Schreibförderung'
(Götz 1992: 142)
Erschwerend kommt hinzu, dass der akademische und repetitive Charakter der Text- und Filmanalyse heutige Schülergenerationen zunehmend demotiviert. Die Zeit scheint also reif für einen neuen Kompromiss zwischen der althergebrachten Themaaufgabe und der kriterienorientierten Vermittlung verschiedener Textsorten.
These 6: Gängige
Vokabelhilfen verhindern eine stilistisch angemessene Textproduktion
Ohne in eine Karikatur zu verfallen, lässt sich
feststellen, dass die Gestaltung von Vokabelhilfen im Bereich des
Funktionswortschatzes seit dem Ende des zweiten Weltkriegs keine Veränderung
erfahren hat. Folgender Auszug aus einem vor kurzem erschienenen Heft zur
Vermittlung von "study skills" in der gymnasialen Oberstufe (Malycha
1998) soll dies veranschaulichen:
To express your own
opinion
from my point of view,
in my opinion, in my view, the way I see it, to my mind
To express an
opposite point of view
alternatively, but,
despite/in spite of (the fact), except for, however, in contrast to, instead
of, nevertheless, nonetheless, on the contrary
Derart eng umrissene Vokabellisten sind in
zweifacher Hinsicht problematisch. Zum einen wird der Funktionswortschatz
völlig dekontextualisiert, so dass der Eindruck entstehen könnte, dass
englische Gliederungssignale mit ihren deutschen Pendants in Bedeutung und
Gebrauch deckungsgleich sind. Wie zahlreiche linguistische Studien beweisen,
ist diese Annahme jedoch in den meisten Fällen falsch. Zum anderen wird der
Lerner dazu verführt, die aufgelisteten Gliederungssignale übermäßig häufig zu
gebrauchen und dabei gleichzeitig andere wichtige Aspekte englischer Texte
außer acht zu lassen. Eine solche interimsprachliche Über- und
Unterrepräsentation bestimmter Aspekte der Zielsprache ist inzwischen für
Fremdsprachenlerner unterschiedlichster Muttersprachen empirisch nachgewiesen
worden (Granger 1998; Milton 1999). So fand Milton (1999) z.B. in Texten
chinesischer Lerner eine beschränkte Menge von "Lieblingsausdrücken"
des oben aufgelisteten Typs (first of all,
on the other hand, all in all) überrepräsentiert;
gleichzeitig stellte er fest, dass für muttersprachliche Texte typische
Gliederungssignale stark unterrepräsentiert waren (z.B. in this case, this is not to
say that).
These 7: In
den Köpfen der Fremdsprachenlehrer spielt das Schreiben eine untergeordnete
Rolle
Es ist heutzutage geradezu modisch, sich als
Fremdsprachenlehrer zum Primat des Sprechens zu bekennen. Nur wenigen scheint
die schon in der Antike gewonnene Erkenntnis noch geläufig zu sein, dass es zu
wirklichem "(Fremd-)Sprachenwachstum" ebenso einer vielfältigen und
reflektierten Schreibpraxis bedarf. Das Schreiben fördert das Sprechen auf
verschiedenste Art und Weise. Abgesehen davon, dass die schriftliche
Auseinandersetzung mit einem Thema wegen der Möglichkeit des Nachschlagens im
Wörterbuch meistens positive Auswirkungen auf den reinen Wortzschatzumfang
zeitigt, hilft das Verfassen von Prosatexten vor allem, vom privaten,
kontextgebundenen Geplauder zur kontextunabhängigen öffentlichen Rede zu
gelangen. Mehr noch: wie Studien belegen (z.B. Emig 1977), leistet ein
prinzipiengesteuerter Aufsatzunterricht einen wichtigen Beitrag zur vollen
Entfaltung des kognitiven Potentials der Schüler.
Eine besondere Gefahr für die Entwicklung der
Sprachkompetenz birgt das unreflektierte Schreiben von E-Mails und
SMS-Nachrichten. Will Schule die Kommunikationsfähigkeit zukünftiger
Generationen erhöhen, so muss sie eine Gegenkultur des gestalteten Schreibens
aufbauen; besonders lächerlich wirkt es, wenn gestandene Lehrer die Smileys und
Kurzformeln ihrer Schüler nachäffen, um "in" zu sein. Es kann kein
Zweifel daran bestehen, dass ein nuancenreicher, flüssiger Schreibstil die
interkulturelle Kommunikation eher befördert als eine dem Sprechstil
nachempfundene, unredigierte Niederlegung des "Bewußtseinsstroms".
These 8: Die
Vermittlung des Schreibens wird in den Lehrplänen nicht angemessen
berücksichtigt
In den derzeit gültigen Richtlinien der
verschiedenen Bundesländer für die gymnasiale Oberstufe werden die Stichwörter
"Schreiben", "Schreibfertigkeit" oder "(schriftliche)
Textproduktion" - wenn überhaupt - nur am Rande erwähnt. Nirgends finden
sich Hinweise darauf, wie die Schreibfertigkeit sinnvoll auf- oder ausgebaut
werden kann. Dies lässt nur den Schluss zu, dass die Richtlinienautoren das
Erlernen des Schreibens als eine Selbstverständlichkeit auffassen, die keiner
Lehre bedarf.
2. Vorstellung
eines Teillehrplans „Schreiben“
Angesichts der oben skizzierten desolaten Lage des
fremdsprachlichen Schreibunterrichts auf der gymnasialen Oberstufe scheint es
dringend geboten, einen Teillehrplan für die Vermittlung der Schreibfertigkeit
zu entwickeln. Das hier vorgeschlagene Verfahren für das Fach Englisch ist als
Reaktion des Praktikers auf die Mängel der Richtlinien zu verstehen. Er beruht
in seiner Grundstruktur auf dem in den Vereinigten Staaten verbreiteten
"current-traditional approach" (vgl. z.B. Grabe/Kaplan 1996). Darüber
hinaus berücksichtigt er die oben erwähnten Erkenntnisse zur Über- und
Unterrepräsentation bestimmter sprachlicher Merkmale in der Lernersprache sowie
neuere kontrastiv-linguistische Erkenntnisse zu Vertextungskonventionen im
Englischen und Deutschen. Methodisch orientiert er sich am 'data-driven
approach' der Korpuslinguistik (Johns/King 1991). Analog ließe sich natürlich
auch ein Teillehrplan für andere Sprachen konstruieren. Das von mir
vorgeschlagene Verfahren soll hier zunächst überblicksweise in einem Diagramm
vorgestellt werden:
|
11.1 |
Freewriting; Lexical
and Grammatical Correctness; Style: Written vs. Spoken |
|
11.2 |
Simple Paragraphs
(Topic Sentence, Issue-Discussion, Theme-Rheme); Basic Functional Categories
I: Enumeration; Exemplification, Comparison and Contrast, Cause and Reason |
|
12.1. |
Basic Functional
Categories II: Intention and Purpose; Concession; Time and Place; Topic
Shifters; Summarizers and Concluders |
|
12.2. |
From Paragraph to
Text; Advanced Functional Categories: Evidence Markers, Argumentation Markers |
|
13.1. |
Stylistic Issues:
Emphasis; Concision; Sentence Length; Elegance |
|
13.2. |
Revision |
Dieser Teillehrplan trägt sowohl den Erkenntnissen
der Schreibprozeßforschung als auch der linguistischen Forschung Rechnung. Er
wendet das Prinzip der prozeduralen Erleichterung (vgl. Bereiter/Scardamalia
1987) auf alle Ebenen des Schreiblernprozesses, insbesondere aber auf die
Vermittlung englischen Funktionsvokabulars sowie auf kulturspezifische
Vertextungskonventionen und Stilprinzipien an. Dabei folgt er einer Progression
von leichteren zu schwierigen Textstrukturen sowie von geringer zu höherer
kognitiver Belastung. Als Richtschnur orientiert er sich an fünf simplen Anforderungen
an gutes Schreiben, mit denen die Schüler von der Jahrgangsstufe 11.1 an
vertraut gemacht werden; diese Anforderungen sollen gleichsam Teil des
Sprachmonitors (Krashen 1981) werden, dessen Stärkung zur Vermeidung von
Fehlern beitragen kann:
|
The Five Requirements |
|
1. The requirement of content: Every sentence should offer the reader new and interesting information. |
|
2. The requirement of correctness: Every sentence must be constructed by the grammatical rules (facts: prepositions, tenses; patterns: verb, noun and adjective patterns; choices: tense use, etc.) and the lexical rules (collocation) of the language. |
|
3. The requirement of style: Every sentence should contain appropriate functional and content vocabulary. |
|
4. The requirement of unity: Every sentence should be related to the topic sentence of the paragraph. |
|
5. The requirement of coherence: Every sentence must fit in logically with the sentences surrounding it. |
Um der oben kritisierten Fokussierung auf reine
Formalien der Textoberfläche entgegenzuwirken, wird zu Beginn des
Schreiblehrgangs in der Jahrgangsstufe 11.1 deutlich hervorgehoben, dass die
inhaltliche Komponente Vorrang vor allen anderen Überlegungen hat. Daher haben
Übungen zum sogenannten freewriting
in der ersten Kurseinheit eine ganz besondere Bedeutung. Unter freewriting versteht man den Versuch,
während eines begrenzten Zeitraums (z.B. 10 Minuten) alles niederzuschreiben,
was einem durch den Kopf geht, ohne Pausen zur Korrektur oder Revision des
bereits Geschriebenen einzulegen. Freewriting
dient dem "Aufwärmen" und der Ideenfindung.
Darüber hinaus werden die Schüler in der ersten
Kurseinheit anhand eines vereinfachten Modells mit den verschiedenen
Komponenten bzw. Teilprozessen des Schreibprozesses vertraut gemacht. Ihnen
wird z.B. erklärt, dass Texte der Planung und der Revision bedürfen; diese
Teilprozesse werden durch konkrete, abzuarbeitende Fragenkataloge strategisch
gestützt.
Die nächsten beiden Kurseinheiten befassen sich mit
der lexikalischen und grammatischen Korrektheit. So geht es in der zweiten
Einheit um die grundlegende Struktur des englischen Satzes, während die dritte
Einheit die richtige Wortwahl und die Bildung von Kollokationen zum Thema hat.
Dabei wird auch auf die Nutzung von ein- und zweisprachigen Wörterbüchern eingegangen.
Die vierte Einheit des ersten Kurshalbjahres gibt eine rudimentäre Einführung
in Stilfragen, die die Schüler für die Unterschiede zwischen mündlichem und
schriftlichem Sprachgebrauch sensibilisieren soll.
Das zweite Kurshalbjahr (11.2) beginnt mit der
fünften Kurseinheit, die sich mit grundlegenden Planungsprozessen auf der
Absatzebene befasst. Hier haben die o.g. Anforderungen 4 und 5 ihren Platz: die
Schüler lernen, jeden Absatz in issue
(Kernaussage) und discussion (Ausführung) zu gliedern und point
bzw. topic sentences (Themasätze) im issue zu plazieren (zur Terminologie vgl. Williams 1990).
Auf die fünfte Kurseinheit folgen mehrere
wortschatzbasierte Einheiten, von denen jede - dem Prinzip der prozeduralen
Erleichterung entsprechend - umfangreiches Lern- und Übungsmaterial zu je einer
Kategorie des Funktionswortschatzes (Aufzählung, Beispielgebung,
Vergleich/Gegensatz, Ursache/Grund) liefert. Die Schüler werden zunächst dazu
angeleitet, Absätze zu schreiben, die sich auf jeweils eine dieser Kategorien
stützen. Im weiteren Verlauf des Halbjahres erfahren sie, wie man mehrere
Kategorien innerhalb eines Absatzes verbinden kann.
Analog werden im Halbjahr 12.1 weitere funktionale
Kategorien bearbeitet, wie z.B. Absicht/Zweck und Zeit/Raum. In 12.2 wird das
Augenmerk dann auf die komplexen Wechselbeziehungen zwischen allen bisher
gelernten Kategorien gelegt; außerdem lernen die Schüler, mehrere Absätze zu
einem kohärenten Text zu verknüpfen. Darüber hinaus werden komplexere
Kategorien wie 'Belege anführen' oder 'Kritisieren' besprochen. Mit Beendigung
des zwölften Schuljahres haben die Schüler damit eine vollständige Einführung
in grundlegende Schreibprozesse und Vertextungsverfahren erhalten. Mit der
Beherrschung eines vielfältigen Funktionswortschatzes haben sie dann schon ein
gutes Stück auf dem Weg zu einem klaren und authentischen englischen Stil
zurückgelegt.
Die Vermittlung des Funktionswortschatzes macht sich
neueste linguistische Erkenntnisse zunutzen. An die Stelle der oben
kritisierten bisherigen Praxis, die - zumindest implizit - von
Eins-zu-Eins-Äquivalenzen in Frequenz und Gebrauch zwischen Konnektoren zweier
Sprachen ausgeht, tritt ein korpusgestützter Ansatz, der es dem Lehrer
ermöglicht, den Gebrauch des Funktionswortschatzes im Kontext zu demonstrieren
oder die Schüler dazu anzuleiten, mithilfe eines Konkordanzprogrammes selbst
typische Merkmale eines Wortes oder einer Wendung zu ermitteln. Neben den
landläufig bekannten Einwort-Konnektoren wie but, however, still, nevertheless u.ä. können so auch variablere Mehrwort-Konnektoren
behandelt werden (z.B. consider, for
example, ...; in a parallel fashion;
to complicate matters further usw.),
die in authentischen Texten eine ebenso wichtige Rolle spielen wie ihre
Einwort-Pendants. Grundprinzip bei der Darbietung solchen Funktionsvokabulars
sollte die Aufführung von ein bis zwei Vorgängersätzen sein. Dies sei am
Beispiel der Exemplifizierung verdeutlicht:
|
Giving Examples: The Essentials |
|
|
Some English words have been taken over from other languages. Take, for example, the noun ‘sauna’. |
nehmen wir zum Beispiel ... |
|
Some English words have been taken over from other languages. A fine example is the noun ‘sauna’. |
ein gutes Beispiel ist ... |
|
Some English words have been taken over from other languages. The noun ‘sauna’ provides a pertinent example. |
... liefert ein treffendes Beispiel. |
|
Some English words have been taken over from other languages. The noun ‘sauna’, for example / for instance, comes from Finnish. |
zum Beispiel |
|
Some English words have been taken over from other languages. ‘Sauna’ and ‘admiral’ are such words. |
solche |
Hauptziel des 13. Schuljahres ist die Wiederholung
und Vertiefung des bereits Erlernten, wobei ein besonderes Augenmerk auf die
Förderung des Stilbewußtseins der Schüler gelegt werden sollte. Im Mittelpunkt
des Interesses stehen daher Fragen folgender Art:
1.
Wie
erreiche ich größtmögliche Konzision?
2.
Wie
erreiche ich eine klare Satzstruktur (z.B. Prinzip des "end-weight")?
3.
Wie
kann ich die Satzlänge variieren und lange Sätze leserfreundlich aufbauen?
Der soeben vorgestellte Teillehrplan lässt Fragen
der Methodik weitgehend offen. Grundsätzlich besteht z.B. die Möglichkeit, die
zu erwerbenden Strukturen in kurzen Lehrervorträgen vorzustellen und dann
mithilfe verschiedener Übungsformen wie Textanalyse, Paraphrasierung, Einsetzen
oder Übersetzen einzuüben; Anregungen dazu finden sich in zahlreichen
anglo-amerikanischen Lehrwerken (z.B. Hedge 1988; White/Arndt 1991, Byrd 1998)
sowie in der übersetzungsdidaktischen Literatur (vgl. Siepmann 1996: 111-126).
Unter lernpsychologischen Gesichtspunkten ist jedoch eher ein induktives
Vorgehen zu empfehlen, bei dem die Schüler zunächst selbst Strukturen mithilfe
bestimmter Erschließungstechniken entdecken (vgl. Scherfer 1994) und diese dann
nachahmend in der eigenen Textproduktion zur Anwendung bringen. Dabei sollten
neben der traditionellen häuslichen Vorbereitung auch Texte in Gruppenarbeit
erstellt werden. Als besonders effektiv hat sich die Gruppenarbeit am Computer
erwiesen (Legenhausen/Wolff 1991), da sie Ressourcen bündelt und den
Gesichtsverlust einzelner Schüler vermeiden hilft. Auch das sogenannte peer editing, d.h. die Korrektur eines
Schreibprodukts durch die Mitschüler, kann sinnvoll eingesetzt werden.
Besondere Hervorhebung jedoch verdient das peer
oder teacher modelling (Schunk 1991),
das sich auch auf Schreibprozesse hervorragend anwenden lässt: ein guter
Schüler oder der Lehrer simuliert am Computer oder an der Tafel einen
Schreibprozess und zeigt so Lösungsmöglichkeiten für typische Schreibprobleme
auf, die die Mitschüler zu eigenen Problemlösungen anregen können.
Weiterhin ist es dem Lehrer offengelassen, ob er bei
der Vermittlung von Funktionswortschatz ein völlig einsprachiges Vorgehen wählt
oder die Muttersprache zu Zwecken der Kontrastierung in den Unterricht
miteinbezieht. Zur Speicherung von Konnektoren liegen bisher keine
psycholinguistischen Erkenntnisse vor, obgleich vieles für die Annahme spricht,
dass auf Kollokationen fußende Mehrwortgliederungssignale zumindest von
Muttersprachlern als Einzellexeme behalten werden. Insbesondere bei scheinbar
besonders "banalen" Wortverbindungen wie an example is provided by oder there
are good reasons for + -ing (z.B. believing) besteht jedoch die Gefahr,
dass Lernern die Festigkeit solcher Kollokationen sowie ihre Konnektorfunktion
entgeht. Um ein dauerhaftes Behalten derartiger Kollokationen zu gewährleisten,
sollte eine Kognitivierung erfolgen. Zusätzlich kann die Suche nach einer
adäquaten Übersetzung die Speicherung fördern (z.B. there are good reasons for believing ... - vieles spricht dafür, dass; vgl. die analoge Argumentation zu
Zweiwortverbindungen in Zöfgen 2001). Einmal gefundene Übersetzungen können
dann durch Einsatz von Übersetzungsübungen gefestigt werden.
3. Schlussbetrachtung
Abschließend sei noch einmal hervorgehoben, dass der
hier vorgeschlagene Teillehrplan „Schreiben“ dann besser verwirklicht werden
kann, wenn Themaaufgaben gestellt werden bzw. wenn Arbeitsaufträge, die in Form
von Fragen formuliert sind, auch gleichzeitig das Verfassen einer bestimmten
Textsorte unter Verwendung eines klar abgrenzbaren Funktionswortschatzes
verlangen.
Literaturverzeichnis
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1 Zu diesem Bereich liegen m.W. zwar keine empirischen Erhebungen vor; meine Erfahrungen im Referendariat und in der Lehrerfortbildung sowie Gespräche mit Referendaren und Fachkollegen lassen jedoch keinen Zweifel an der Richtigkeit dieser These
2 Dies ist nicht der Ort für eine differenzierte kontrastiv-linguistische Erörterung; die Darstellung sollte daher als grob vereinfachend aufgefasst werden.